Kinder mit einer Rechenschwäche sollen in Berliner Schulen künftig besonders gefördert werden. Eine neue Verordnung liegt in der Bildungsverwaltung bereits vor. Unklar ist, wann die Vorschrift in Kraft treten wird.
Während die Lese- und Rechtschreibschwäche bereits flächendeckend an den Grundschulen besonders berücksichtigt wird, müssen Eltern von rechenschwachen Kindern auf kostspielige Therapien privater Institute zurückgreifen. Häufig wird die besondere Lernstörung aber nicht erkannt, weil sie vielen Eltern und Lehrern im Gegensatz zur Legasthenie gar nicht bekannt ist.
Sechs Prozent der Kinder betroffen
Nach Angaben der Wissenschaftler leiden etwa sechs Prozent der Kinder in Deutschland an einer Rechenstörung (Dyskalkulie). Sie können Mengen nicht unterscheiden, große und kleine Zahlen nicht einordnen und Rechenoperationen oft nur zählend ausführen.
Bemerkbar machen sich die Defizite schon im Kita-Alter, in der Schule wird dann der Mathe-Unterricht zur Qual. Betroffenenverbände kämpfen seit Jahren um Fördermaßnahmen in den Schulen.
Die Bildungsverwaltung hat nun eine Ausführungsvorschrift für die Grundschulen entwickelt, die dem besonderen Bedarf dieser Schüler gerecht werden soll. Für die Lese- und Rechtschreibschwäche gibt es eine ähnliche Verordnung schon seit 2006.
Mit der Vorschrift für Rechenstörung gehört Berlin bundesweit zu den Vorreitern. Ähnliche Bestimmungen für Schulen gibt es bereits in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz.
Der Entwurf der Senatsbildungsverwaltung, der der Berliner Morgenpost vorliegt, sieht vor, dass die Schüler mit besonderen Schwierigkeiten im Rechnen in kleinen Gruppen von maximal vier Schülern 90 Minuten pro Woche gefördert werden sollen. Jede Schule soll zu diesem Zweck eine Lehrkraft speziell schulen lassen. In schwierigen Fällen sollen Schulpsychologen die Diagnose übernehmen. Im Unterschied zum Nachhilfeunterricht soll der Förderunterricht unabhängig vom Rahmenplan Mengen- und Zahlenverständnis vermitteln.
Die Schüler mit einer festgestellten Rechenstörung können in der dritten und vierten Klasse für ein Schuljahr von der Benotung im Fach Mathematik befreit werden. Zudem können sie als sogenannten Nachteilsausgleich bei Klassenarbeiten bis zu 25 Prozent mehr Zeit erhalten und besondere methodische Hilfsmittel einsetzen. Der Berliner Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie ist froh über den Durchbruch und dringt auf die zügige Umsetzung der Verordnung. "Wir warten täglich auf den Startschuss", sagt Christel Hanke, Vorsitzende des Betroffenenverbandes. Gerade wenn die Schwäche früh erkannt werde, könne die Förderung sehr wirksam sein. An den meisten Grundschulen würden die speziell für die Rechenschwäche ausgebildeten Fachlehrer schon bereitstehen. Inhaltlich sei die Verordnung mit allen Gremien abgestimmt. Eigentlich habe der Verband bereits im Dezember mit der Umsetzung gerechnet. "Jetzt heißt es, die Finanzierung ist nicht geklärt", sagt Christel Hanke. In der Senatsbildungsverwaltung wollte man sich nicht dazu äußern.
Kinder entwickeln Schulangst
Auch Ute Mendes, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Sozialpädiatrischen Zentrum im Vivantes-Klinikum im Friedrichshain, hält die Förderung für wichtig. "Kinder mit Rechenstörung halten sich oft selbst für dumm und können Ängste vor der Schule entwickeln", sagt die Ärztin. Auch die familiären Beziehungen könnten darunter leiden, wenn das ständige Üben in Mathematik zu Hause nur noch unter Tränen stattfinde. Im Alltag können die Betroffenen manchmal nicht mit Geld umgehen und vertun sich immer wieder in der Zeit. Hilfe in der Schule entspanne die Situation. In schwierigen Fällen sei aber eine zusätzliche Therapie nötig.
Allerdings übernehmen die Krankenkassen die Therapiekosten nicht, obwohl die Dyskalkulie von der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit bereits anerkannt worden ist. Nur in Ausnahmefällen ist in Berlin bisher eine Kostenübernahme durch das Jugendamt möglich. Dafür muss das Kind jedoch aufgrund der Rechenstörung von einer seelischen Behinderung bedroht sein.
Nach Angaben des Bundesverbandes für Legasthenie und Dyskalkulie fallen rechenschwache Kinder bereits in den ersten Schuljahren auf. Rechenschwache Kinder sind deutlich langsamer als ihre Klassenkameraden. Sie kommen lange nicht ohne Zählhilfen wie Finger oder Stifte aus, da sie nachhaltig beim Abzählen bleiben und sehr deutlich auch auf die Zählhilfen als - wie auch immer geartete - Orientierungshilfe angewiesen sind. Kinder mit einer Rechenstörung haben keine Vorstellung davon, dass Zahlen Stellvertreter von Mengen sind.
Mehr zu Schulen in Berlin und zur umstrittenen Bildungsreform, die der rot-rote Senat beabsichtigt, finden Sie im Internet unter www.morgenpost.de/berlin







