Was ist Dyskalkulie eigentlich?
Als Rechenschwäche oder Dyskalkulie bezeichnet man eine Störung, bei der es normal begabten Kindern (und Erwachsenen) besonders schwer fällt, die Welt der Zahlen zu begreifen und Rechenoperationen durchzuführen. Selbst einfache Additionsaufgaben im Zahlenbereich bis 10 sind lange nur unter großen Anstrengungen und mit Hilfe von Anschauungsmaterial lösbar. Subtrahieren oder Rechnungen über 10 hinaus stellen eine große Hürde dar. Oft verstehen rechenschwache Kinder die gestellten Aufgaben erst gar nicht. Das liegt daran, dass sie Probleme mit der Funktion von Zahlen und Ziffern haben und diesen keine Mengen zuordnen können. Sie können im Unterricht nur schlecht auf bereits gelerntes Wissen aufbauen und verzweifeln bald an den schulischen Anforderungen. Obwohl die Rechenschwäche oder Dyskalkulie nicht allen Lehrern bekannt ist, vermuten Fachleute (Lorenz, 1993), dass bis zu sechs Prozent der deutschen Schulkinder davon betroffen sind.
Wie erkennt man eine Dyskalkulie?
Ein rechenschwaches Kind hat in der Regel schon vor der Einschulung große Schwierigkeiten, mit Maßeinheiten umzugehen. Mehr und weniger, größer und kleiner, länger und kürzer sind Bezeichnungen, die es nur mit konkretem Anschauungsmaterial versteht. Viele Kinder sind nicht in der Lage, kleine Mengen, zum Beispiel die Punktzahl einer Würfelseite, mit einem Blick zu erfassen, sondern zählen die Punkte immer wieder zusammen. Sie haben oft keine klare Vorstellung vom Geldwert, können mit ihrem Taschengeld schlecht umgehen und brauchen lange, um die Uhr zu erlernen. In der Schule fallen rechenschwache Kinder dadurch auf, dass sie sehr langsam und häufig mit den Fingern rechnen. Da es ihnen schwer fällt, sich Rechenoperationen vorzustellen, lernen sie Rechenaufgaben oft auswendig. Dies ist für sie leichter, als die Rechnungen immer wieder aufs Neue durchzuführen. Selbst einfache Additionsaufgaben im Zehnerbereich können rechenschwache Kinder lange nur mit Hilfe von Rechenmaterial lösen. Manche Kinder haben auch Schwierigkeiten mit dem Rückwärts- oder sogar mit dem Vorwärtszählen. Außerdem gelingt ihnen die Zuordnung von Ziffern zu Mengen nur sehr schwer oder wird gar nicht verstanden. Zahlen werden verdreht (12 statt 21) und der Zehnersprung stellt eine große Hürde dar. Eltern und Lehrer verzweifeln, weil sie sich die Probleme des ansonsten intelligenten Kindes nicht erklären können, das scheinbar jede Erklärung im mathematischen Bereich schnell wieder vergisst.
Bin ich blöder als die anderen?
Da rechenschwache Kinder nicht dumm sind, sondern in der Regel über einen mindestens durchschnittlichen IQ verfügen, merken sie schnell, dass sie mehr Probleme als ihre Mitschüler haben. Obwohl sie sich gerade in den ersten beiden Schuljahren sehr bemühen, gute Leistungen zu erbringen, sind ihre Anstrengungen ohne die richtige Förderung nicht von Erfolg gekrönt. Die grundlegenden Rechenvorgänge werden in der Schule fast immer schneller behandelt, als es für rechenschwache Kinder notwendig ist. Somit verlieren diese schnell den Anschluss an den Leistungsstand der Klasse und fühlen sich dumm, missverstanden und ausgegrenzt. Ihr Selbstbewusstsein leidet stark, und nicht selten wirken sich diese seelischen Belastungen nun auch auf andere Fächer aus. Die Lust am Lernen geht verloren.
Zuhause kracht es
Wenn Eltern oder Lehrkräfte die schwachen Rechenleistungen eines Kindes bemerken, beginnt für beide Seiten oft ein langer Übungsmarathon. Die Eltern und das rechenschwache Kind sitzen stundenlang an den Hausaufgaben oder bereiten eine Klassenarbeit vor. Dabei entstehen bei allen Beteiligten schnell Frustration und Aggressionen, weil das Üben nicht nachhaltig wirkt und die Noten sich nicht verbessern. Die Eltern werden ungeduldig und wissen nicht mehr weiter, und das Kind verzweifelt an seinen vergeblichen Bemühungen. Das Wiederholen und Üben hilft ihm nicht, die Rechenwelt zu verstehen, frustriert Eltern und Kind aber oft gnadenlos. Beide fühlen sich allein gelassen und wissen nicht, wer ihnen bei den Problemen helfen kann. Dabei steigt der schulische Erfolgsdruck stetig an und das Klima in der Familie wird angespannter.
Diagnose
Bei dem Verdacht auf eine Dyskalkulie sollten Eltern sich zuerst an die Lehrkraft ihres Kindes wenden. Finden sie hier keine Unterstützung, so können sie auf eigene Initiative einen Dyskalkulie-Test bei einer örtlichen Erziehungsberatungsstelle oder bei dem zuständigen Schulpsychologen machen lassen. Die Adressen bekommt man über das örtliche Jugendamt, bei Selbsthilfegruppen oder direkt in der Schule bzw. beim Schulamt. Ein Dyskalkulie-Test umfasst eine Prüfung der allgemeinen Intelligenz und der speziellen Rechenschwäche. Die Testauswertung sollten sich Eltern schriftlich geben lassen.
Förderung
Eine Umstellung des Rechenunterrichts stellt für die betroffenen Kinder eine erste große Hilfe dar. Rechenschwache Kinder sollten solange mit Anschauungsmaterial wie Rechenplättchen, Rechenstäbchen, Cuisenaire Stäbchen, dem Kieler Zahlenaufbau oder Montessori Material arbeiten, bis sie den jeweiligen Zahlenraum sicher beherrschen. Ein längeres Verweilen bei den Grundlagen ist für sie absolut notwendig, um eine sichere Basis für den weiteren Mathematikunterricht zu erhalten. Rechenschwache Kinder machen unterschiedliche Fehler, so dass eine sorgfältige Diagnose ihrer Rechenart sehr wichtig ist, um dem jeweiligen Kind individuell helfen zu können. Für einige Kinder reicht die schulische Förderung nicht aus. Dann sollten zusätzlich Fachleute herangezogen werden. Unter bestimmten Umständen übernimmt das Jugendamt die Kosten für eine Dyskalkulietherapie bei einem Lerntherapeuten. Gute Lerntherapeuten sollten über eine abgeschlossene Fachausbildung verfügen und Erfahrungen im Bereich der Rechenschwäche nachweisen können. Eine staatlich anerkannte Ausbildung gibt es zur Zeit nicht. Die Förderungsdauer für rechenschwache Kinder liegt durchschnittlich bei zwei Jahren. [weiter]






