(nach dem Buch "Überspringen von Klassen", Lit Verlag Münster 1996, Annette Heinbokel)
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Das Überspringen von Klassen ist eine Sonderform der schulischen Akzeleration. Rimm und Lovance (1992a) setzen aufgrund ihrer Erfahrungen Akzelerationsstrategien (Beschleunigungsstrategien) als eine Möglichkeit ein, Minderleistungen bei hochbegabten Kindern zu verhindern oder umzukehren.
Untersuchungen zeigen:
· Akzeleration verbessert die Motivation
· Akzeleration hat keine negativen Auswirkungen auf die soziale Anpassung und kann sie sogar verbessern
· Körpergröße, Reife und Noten sind relativ unwichtig
Untersuchungen von Kötter (1985) im Saarland und Untersuchungen von Reitmajer in Bayern (1988)ergaben:
· Der Lernaufwand von Springern, um fehlenden Stoff aufzuholen, wurde als relativ gering empfunden. Am Gymnasium betrug er 1-2 Stunden über 1-6 Wochen.
· In fast allen Fällen wurde eine Stärkung des Selbstbewußtseins und eine erhöhte Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an neue soziale Situationen genannt.
· Trotz anfänglicher Ängste waren die Kontakte zur aufnehmenden Klasse überwiegend positiv. Die aufnehmenden LehrerInnen unterstützten das Springen.
In einem Punkt war das Ergebnis in allen Untersuchungen gleich:
Das Aufholen des Stoffes war, soweit Aussagen dazu vorliegen, unproblematisch. In der Grundschule war der Zeitaufwand nicht der Rede wert, im Gymnasium mußte etwas mehr Zeit aufgewendet werden.
In der Kölner Untersuchung wurde darauf hingewiesen, dass Störungen im Lernverhalten, die durch länger dauernde Unterforderung und Frustration entstanden waren, einige Zeit brauchten, bis sie behoben waren.
In allen Zitaten, die gegen das Springen vorgebracht wurden kam direkt oder zwischen den Zeilen das zum Ausdruck, was der "gesunde Menschenverstand" über das Springen, über die Mädchen und Jungen, die es tun, und über deren Eltern zu wissen glaubt :
· Das Überspringen einer Klasse ist besonders in der Grundschule aus pädagogischen und psychologischen Gründen zum Wohle der Kinder abzulehnen.
· Die Kinder werden aus ihrer gewohnten Klassengemeinschaft herausgerissen; das schadet ihnen.
· Sie könnten gehänselt werden, wenn sie ihre Leistungsbereitschaft und fähigkeit durch Überspringen zeigen:
· Die Leistungen werden nach dem Springen schlechter, ein Lernknick ist selbstverständlich zu erwarten; das geht so weit, daß sie häufig eine Klasse wiederholen.
· Attraktive Zusatzangebote innerhalb und außerhalb der Schule können die Unterforderung hinreichend ausgleichen.
· Kinder, die das "Leistungssoll" ihres Jahrgangs erfüllt haben, sollten sich stattdessen dem sozialen Lernen widmen und ihre Hilfsbereitschaft, ihre Geduld und Rücksichtnahme üben. Das macht den Kindern Spaß.
· Es ist besser im Gymnasium zu springen, wenn die Kinder über Jahre hinweg ihre hohe Leistungsfähigkeit und bereitschaft unter Beweis gestellt haben.
· SpringerInnen mögen zwar intellektuell leistungsstark sein, haben aber menschliche Defizite.
· Wenn sie erwachsener und vernünftiger geworden sind d.h. im oder nach dem Abitur und sich gut selber äußern können, geben sie zu, daß sie in der Gruppe der Gleichaltrigen doch besser aufgehoben gewesen wären.
· Eltern von SpringerInnen denken elitär und undemokratisch
· Eltern übertragen ihren eigenen Ehrgeiz auf die Kinder und wollen ihnen durch das Springen Vorteile im späteren Leben verschaffen.
· Eltern geben selbst erlebten Leistungsdruck an ihre Kinder weiter.
In allen oben zitierten Fällen wurde nachgehakt, worauf die Aussagen beruhten.
Jedesmal dann, wenn gesagt wurde "Ich kenne aber einen Fall....," ergab genaueres Nachfragen, dass der Fall sich entweder in Nichts auflöste, der Erzähler (Erzählerin) ihn nur aus zweiter oder dritter Hand kannte, die Probleme ein Gerücht waren oder nicht auf das Springen zurückgeführt werden konnten.
Überspringen von Klassen war im Schulalltag eine große Ausnahme, es wurde sowohl von den betroffenen als auch von den nicht betroffenen LehrerInnen und Eltern als etwas ganz Besonderes, als eine Art "Jahrhundertereignis" angesehen und dementsprechend behandelt.
Eine der Sorgen von Eltern und LehrerInnen beim Springen ist es, das Kind könnte später wieder in seine alte Klasse zurück müssen, weil die Leistungen nicht ausreichen. Es könnte dann von den anderen Kindern wegen seines Versagens gehänselt werden und psychisch Schaden nehmen. Von den Schulen wurden 5 Jungen und kein Mädchen gemeldet, die nach dem Probeunterricht zurück in die alte Klasse gingen.
Bezogen auf die Anzahl der SpringerInnen waren das 1,8% der Fälle, d.h. dass die Rückläuferquote nach dem Probeunterricht extrem gering war.
Die Einstellung der aufnehmenden Lehrerin (des Lehrers) zum Springen ist ein wesentlicher Punkt bei der Entscheidung für oder gegen diesen Schritt. Eine Lehrerin, die das Springen aus grundsätzlichen Erwägungen ablehnt, kann den Anpassungsprozeß in der neuen Klasse behindern (Stadt Köln 1993) und ihn sogar für den Zeitraum, in dem sie das Kind unterrichtet unmöglich machen (Rimm 1992).
Die Sicherheit, mit der pädagogische TheoretikerInnen und PraktikerInnen immer ganz selbstverständlich von schwerwiegenden und häufigen Problemen ausgehen und deshalb das Springen grundsätzlich ablehnen, wird durch Rückmeldungen der Schulen nicht bestätigt.
Als Gründe aus der Sicht der Schule für die Seltenheit des Springens wurde vermutet, die SchuleiterInnen bzw. LehrerInnen könnten Angst davor haben, dass das Springen scheitert und ihnen die Verantwortung dafür gegeben wird. Ein Schulleiter sprach von dem "spontanen Entsetzen", das Lehrer empfinden, wenn ein Kind aus ihrer Klasse springen soll. Lehrer überlassen Vorschlag und Entscheidung den Eltern; wenn es dann Probleme gibt, können sie sagen: "Ich hab` es ja vorher gewußt". Andererseits wurde mehrfach große Skepsis geäußert, wenn der Wunsch zu springen von den Eltern ausgeht: was sind die Motive, die dahinterstecken ?
Wird der Antrag von den Eltern gestellt, kann das als Bedrohung empfunden werden:
Hat der Lehrer (die Lehrerin) nicht genug getan, dass sich das Kind nicht mehr wohl fühlt in ihrer Klasse?
Je geringer die konkreten Erfahrungen mit dem Springen waren, um so eher schien insgesamt doch eine Art Superkind erwartet zu werden: nicht nur superklug, sondern auch superreif, supersozial, superselbstständig, supergesund, superanpassungs-fähig, super.........
Der Umkehrschluß liegt nahe: zeigt ein Kind Mängel in einem der Bereiche, sei es in der sogenannten sozialen Reife, in der Selbständigkeit, in der Anpassungsfähigkeit, im Erkennen der eigenen Lücken, dann ist es für das Springen nicht geeignet.
Wenn eine Schule jedoch noch nie eine Springerin oder einen Springer hatte, kann sie dann
einen Maßstab für die Beurteilung haben, welches Kind geeignet sein könnte?
Manche Kinder verhalten sich so angepaßt, dass eine besondere Begabung in der Schule kaum zu bemerken ist. Fast allen LehrerInnen fehlt in der Aus- und Weiterbildung bisher die Möglichkeit zu lernen, wie sie besonders begabte Kinder, die nicht dem Klischee entsprechen, erkennen können und was sie, wenn sie erkannt sind, tun könnten.
Bei mehr als einem Drittel der Kinder und bei Jungen und Mädchen gleich häufig, führte die schulische Situation zu Verhaltensstörungen, die sich sowohl in Form von "echten" oder eingebildeten Krankheiten, Rückzug und Depression als auch in aggressivem Verhalten gegenüber anderen oder sich selbst, in Verweigerung der Leistung und Verweigerung des Schulbesuchs insgesamt äußerten.
Die generelle Neigung, eher auf Störungen zu reagieren und deren Quellen zu beseitigen, ist verständlich, wirkt sich aber besonders negativ bei stillen, zurückhaltenden Kindern aus, die ihren Kummer nach außen hin nicht zeigen.
Die Noten können sich durch das Springen verbessern, wenn dadurch die Motivation verbessert wird. Sie können aber auch schlechter werden, und das Kind und seine Eltern können trotzdem zufriedener sein.
Wenn auch die Gründe für die zum Teil heftige Abneigung von LehrerInnen gegen das Springen im Einzelfall nicht klar sind, kann doch ein Fazit gezogen werden:
wenn die LehrerInnen den Wunsch der Kinder und der Eltern nicht befürworten, fühlen sie sich eher nicht veranlaßt, dem Kind bei der Bewältigung fachlicher oder emotional-sozialer Probleme zu helfen. Aus der Sicht der LehrerInnen ist es verständlich: wenn Eltern ihrer Meinung nach eine Fehlentscheidung für das Kind treffen, fällt es nicht nur beim Springen außerordentlich schwer, die Entscheidung wohlwollend zu unterstützen. Allerdings wird dann das Kind dafür bestraft, dass die Eltern, PsychologInnen oder auch andere LehrerInnen, die das Springen vorschlugen, die Beurteilung der Situation durch die aufnehmenden und ablehnenden LehrerInnen nicht akzeptieren.
Diese Situation wird sich mit Sicherheit positiv verändern, wenn LehrerInnen im Laufe der
kommenden Jahre sowohl über Hochbegabung insgesamt als auch über die überwiegend guten Erfahrungen mit dem Springen besser informiert sein werden. [weiter]







