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Beispielschreiben einer Familie an das zuständige Jugendamt
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind die Eltern eines hochbegabten kleinen Mädchens namens XXXXX.
Sie ist am XXXXX Jahre alt geworden und besucht z.Zt. die Klasse ?? der Grundschule in XXXXX.
Angaben über ihre bisherige Entwicklung entnehmen Sie bitte den beigefügten Unterlagen. XXXXX hat einen älteren Bruder, der ebenfalls hochbegabt, aber nicht mehr schulauffällig (Klasse 6) ist.
XXXXX psychosoziale Situation ist sehr unbefriedigend. Sie hat kaum Freunde, eher werden die ihr von uns gebotenen Möglichkeiten von anderen Kindern "mitgenutzt". Kein Kind ihres Alters in ihrem Umfeld hat ihre intellektuellen Interessen, ihren MitschülerInnen ist sie zu klein resp. zu jung, um akzeptiert zu werden. Viele MitschülerInnen titulieren sie als Streberin; ob dieses Makels ist sie im Frühjahr auf dem Schulhof nicht nur einmal verprügelt worden. Auch wird sie oft gehänselt. Sie selbst merkt deutlich, dass sie anders ist als andere Kinder.
Ihre schulischen Leistungen in der XX. Klasse, die sie seit 12 Wochen besucht (davon 2 Wochen Ferien), sind gut befriedigend. Ihre Lücke in Mathematik hat sie aufgeholt, die Arbeiten liegen im Notenmittelfeld.
Aber sie hat noch immer eine Menge Probleme:
· im Sport ist sie körperlich noch nicht stabil genug für viele Aufgaben, erreicht die nötige Punktzahl nicht und bekommt dann eine schlechte Note.
· Ihre Motorik erlaubt ihr noch nicht, so schnell zu schreiben, wie sie denken kann, also werden die Aufsätze zu kurz.
· Sie hat einen extra Tisch und Stuhl, da das Viertklassmobiliar für sie zu groß ist - und ist dadurch wieder eine Außenseiterin, die belächelt wird.
· Den Sachkundeunterricht findet sie "babyhaft" (in der Klassenarbeit über "Elektrizität" hat sie als einzige der Klasse ein "sehr gut" erhalten), den Deutschunterricht ebenfalls.
· In die Englisch-AG darf sie nicht, da "kein Platz" mehr für sie vorhanden ist, die Gruppe sonst zu groß würde.
· Die Schule sieht keine weiteren Fördermöglichkeiten für XXXXX mehr.
Von Seite der Schule wurde dem letzten Springen nur zugestimmt, weil wir uns um eine Beschulung unserer Tochter XXXXX außerhalb des Regelschulsystems bemüht haben.
Alle Lehrer der hiesigen Grundschule in XXXXX sind der Meinung, dass dieses Kind in der OS völlig unterfordert und deplaciert ist - zumindest vom Intellekt her. Emotional dagegen ist zu befürchten, dass sie die OS oder eine XX. Klasse Regelgymnasium nicht mehr verarbeiten kann.
Ähnlich äußerte sich die zuständige Schulpsychologin.
In den mit 20-25 SchülerInnen besetzten Klassen hat ein Lehrer, selbst bei gutem Willen und ausreichender Kenntnis der Problematik; kaum die Chance, auf solch ein problematisches Kind wie XXXXX einzugehen.
Leider ist das Wissen um die Problematik der hochbegabten Kinder, insbesondere hochbegabter Mädchen, unter den Lehrern erschreckend wenig verbreitet.
XXXXX verarbeitet ihre Situation verstärkt über psychosomatische Auffälligkeiten.
Besonders Schlafstörungen, Albträume von hänselnden MitschülerInnen, Kopfschmerzen und Bauchschmerzen ohne jede organische Ursache treten immer häufiger auf.
Je näher der Sommer kommt, desto mehr freut sie sich auf das Internat. Sie möchte in ein Dreibettzimmer und "ganz viele Freundinnen haben und es soll nicht alles so langweilig sein.
Wir mussten ihr versprechen, am 4. Juni 2000 zum Tag der offenen Tür erneut mit ihr nach XXXXX ins Internatsgymnasium zu fahren, "um die alle vorher noch einmal zu sehen".
Dieses Versprechen haben wir eingelöst, auch, um den Lehrern noch einmal Gelegenheit zu geben, XXXXX zu "begutachten".
Die Trennung von zu Hause macht XXXXX schon zu schaffen; aber die Freude und die Neugier auf das Internatsleben werden immer größer, je näher das Schuljahresende rückt.
Ihre erste Frage, als wir im Januar nach XXXXX fuhren war: "Mama, da mögen mich doch aber dann alle, oder?"
Wir halten eine solche Frage für ein Kind dieses Alters für sehr bedenklich.
Wir haben uns mit XXXXX auf ein eine Probezeit von 6 Monaten geeinigt, nach der wir gemeinsam entscheiden, ob sie im Internat bleiben wird.
Im Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 11.10.1991 heißt es, dass es die Aufgabe des Schulwesens ist, allen Schülerinnen und Schülern eine ihren Fähigkeiten entsprechende Bildung zu vermitteln. Grundlage dieses Beschlusses ist der in den Verfassungen der Länder formulierte Auftrag an die Schule, jeden jungen Menschen gemäß seinen individuellen Begabungen und Neigungen zu fördern.
Diesem Anspruch werden unsere Schulen aber nur am anderen Ende der Begabungskurve gerecht.
XXXXX "durfte" zweimal springen, eine echte Breitenförderung im Sinne eines "Enrichment" war nicht möglich; kein Förderunterricht, keine Binnendifferenzierung im Unterricht.
Durch das Springen entstandene Lücken musste sie selbständig aufholen, ohne Unterstützung von Seite der Schule; ein Umstand, der dem Niedersächsischem Schulgesetz widerspricht.
Für diese "Sonderleistungen" sei die Grundschule zu klein (400 Schüler, durchgängig vierzügig) erklärte uns der Direktor.
Das bestehende Schulsystem bietet offensichtlich keine Möglichkeiten, XXXXX ihren Fähigkeiten und Bedürfnisseen entsprechend zu fördern, so wie es das Niedersächsische Schulgesetz vorsieht. Die großen Klassen mit zunehmend problematischen Sozialstrukturen machen es für ein hochbegabtes sensibles Kind, das mindestens zwei Jahre jünger ist als alle anderen Mitschüler, zusätzlich zur völlig inadäquaten Förderung, unmöglich, ohne seelische Schäden durch dieses System zu gehen.
Leider entspricht XXXXX mit diesen Erfahrungen dem Ergebnis einer Statistik der Hamburger Beratungsstelle für besondere Begabungen (BbB) über die Verteilung der Probleme hochbegabter Kinder. Danach haben
¨ 73,1 % der Kinder Probleme im Lernverhalten (Lernmotivation 49,1 %, Konzentrationsmangel 15,1 %, Leistungsabfall 8,9 %)
¨ 54,8 % der Kinder soziale Probleme in der Klasse (5,7 % Anpassungsschwierigkeiten und Isolation, 18,9 % störendes Verhalten, 30,2 % interaktive Schwierigkeiten)
¨ 26,4 % der Kinder Schwierigkeiten mit Lehrern (fehlende Anerkennung und Unterstützung)
Auch XXXXX zeigt deutlich, dass die ständig zu geringe intellektuelle Herausforderung im Unterricht und die gleichzeitige Einengung ihrer kognitiven Fähigkeiten zwei verhängnisvolle Konsequenzen haben:
1. XXXXX macht die Erfahrung, mit einem Minimum an Leistungsbereitschaft erfolgreich zu sein. Das daraus entstehende Selbstbild und Arbeitsverhalten macht beim Besuch höherer Klassen, beispielsweise beim Erwerb einer Fremdsprache, größte Schwierigkeiten.
XXXXX hat ja nicht gelernt, zu lernen.
Um diesem Prozess gegen zu steuern, haben wir sie zweimal eine Klasse überspringen lassen. Nach einigen Startschwierigkeiten liegt sie aber schon jetzt wieder leistungsmäßig im Mittelfeld der vierten Klasse. Dies zeigt deutlich, dass Springen, die offensichtlich einzige Fördermöglichkeit in ihrer Grundschule, nicht die Lösung des Problems bringt.
2. XXXXX ständige Erfahrung, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten im sozialen Umfeld (ausgenommen Elternhaus) nicht angemessen gewürdigt zu sehen, führt dazu, dass sie beginnt, sich inadäquat zu verhalten.
3. Sie beginnt Rangeleien mit wesentlich größeren Kindern, verschweigt Klassenarbeiten und Hausaufgaben, tut so, als begreife sie den Unterrichtsstoff nicht, nur um sich größere Aufmerksamkeit zu sichern (und verrät sich dann doch, da dieser Kontrollmechanismus bei ihr zum Glück noch nicht gut funktioniert!).
Sie bricht häufig wegen Kleinigkeiten in Tränen aus, kann aber nicht benennen, warum sie jetzt weint.
4. Ihr Verhalten ist häufig unangemessen aggressiv, auch uns Eltern gegenüber. Man könnte meinen, sie gerät in eine vorgezogene Pubertät; dieses ist glücklicherweise nicht der Fall.
Wir denken, dass dieses Verhalten eher einen Hilferuf darstellt, sie aus dieser für sie immer unangenehmer werdenden Situation zu befreien.
Dauber & Benbow untersuchten 1990 die wahrgenommenen Fremdbilder von hochbegabten und normalbegabten Kindern.
Sie wiesen nach, dass mit zunehmender Begabung das wahrgenommene Fremdbild der eigenen Person immer schlechter ausfällt. Das bedeutet, dass viele Hochbegabte eine Diskrepanz zwischen der eigenen Bewertung und der durch sie wahrgenommenen Bewertung durch andere erleben.
Schlichte-Hiersemenzel hat 1996 in ihrer Untersuchung nachgewiesen, dass die Ursache für psychische Auffälligkeiten von Hochbegabten nicht in der Hochbegabung selbst, sondern im inadäquaten Umgang der Umwelt mit der besonderen Begabung der Kinder begründet ist.
Elbing & Heller belegten 1996, dass Mädchen auf Unterforderung eher mit depressiver Verstimmung und psychosomatischen Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen reagieren. Mädchen wollen lt. dieser Studie auf keinen Fall anders sein als die anderen Kinder und passen sich deshalb häufig den Leistungen und Interessen der Mitschülerinnen an.
Allein schon deshalb sollte XXXXX eine Umgebung "gleichartiger" Kinder erfahren können.
Die Erwartung der Lehrer, dass sie aufgrund ihrer Hochbegabung zu besonderer Einsicht und zur Zurückstellung ihrer eigenen Probleme in besonderem Maße befähigt sei (uns gegenüber mündlich so geäußert: "...wenn sie hochbegabt ist, muss sie doch zurückstecken, damit die anderen auch eine Chance haben!") belasten XXXXX zusätzlich. "Warum muss ich immer warten..., nie darf ich weiterlesen..., jetzt soll ich mich in Religion nicht mehr melden, weil ich das alles schon weiß" sind Sätze, die wir oft von ihr hören - und uns oft eine Antwort suchen lassen, die ihr nicht den Respekt vor den Lehrern nimmt.
Die recht kritische, durch viele Wissenslücken geprägte Einstellung des Lehrkörpers der Grundschule fällt natürlich als sich selbst erfüllende Prophezeiung auf das Kind zurück. Man erwartet, dass sie es nicht schafft, und das macht ihr das Leben zusätzlich schwer.
Jede ihrer Äußerungen und Leistungen wird besonders kritisch hinterfragt, als Hochbegabte hat man keinen schlechten Tag oder einfach mal keine Lust wie jedes andere Kind. Ihre Spontanietät, eines ihrer wesentlichen Merkmale, lässt zunehmend nach.
So, als überlege sie erst einmal, ob das was sie sagen oder tun möchte, auch gerade an ihre Umgebung angepasst ist.
Trotz aller bisherigen Schwierigkeiten ist XXXXX bis jetzt ein grundsätzlich fröhliches, für ihr Alter sehr selbstbewusstes Mädchen, das noch gern zur Schule geht und gern lernt.
Wir möchten, das dies auch so bleibt.
· Wir möchten, dass sie genauso ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden kann, wie dies allen anderen Kindern zusteht.
· Wir möchten ihr in Zukunft möglichst viele Frustrationserlebnisse ersparen, die sie jetzt aufgrund der Intoleranz vieler Mitmenschen erlebt.
· Wir möchten nicht, dass sie in ihrer Pubertät das Leben für nicht mehr lebenswert hält, weil ihre Haupterfahrung bis dahin darin besteht, nicht der Norm zu entsprechen und dafür gehänselt zu werden.
Leider sind diese Reaktion und der nachfolgende Suizidversuch gar nicht so selten der Fall, wie die ihnen sicher bekannten Untersuchungen von Prado & Feger zu diesem Thema beweisen.
Wir haben uns für XXXXX daher als weiterführende Schule ab der 5. Klasse das Internat XXXXX in XXXXX ausgesucht.
Dies hat viele Gründe, die wir ihnen hier kurz auflisten wollen:
¨ Kleines Internat (180 Schüler, ihre Grundschule hat jetzt schon 400 Schüler)
¨ Übersichtliches Schulgelände
¨ Kleine Klassen (max. 12 Schüler)
¨ Sehr erfahrene Internats- und Schulleiter
¨ Ständige anwesende Psychologen (Betreiberehepaar, wohnt wie alle Lehrer auf dem Schulgelände)
¨ Große Erfahrung im Bereich der Hochbegabtenförderung
¨ Abitur nach verkürzter Schulzeit (in Klasse 12) möglich
¨ Individuelle pädagogische Förderung jedes einzelnen Schülers
¨ Patenschüler/innen aus Klasse 10 für Fünftklässler
¨ Das Internat ist bereit, XXXXX trotz ihres Alters aufzunehmen (wegen XXXXX Alter haben wir von ca. 10 anderen Internaten telefonisch Absagen erhalten)
¨ Durch Buspendelverkehr die Möglichkeit, dass XXXXX jedes Wochenende nach hause kommen kann
¨ Mindestens dreimal jährlich schriftliche Information für die Eltern und das Jugendamt über Leistungsstand und psychosoziale Entwicklung des Kindes
¨ Das Internat bietet sportlich und musisch eine sehr große Vielfalt, so dass eine Förderung in die Breite, also Enrichment, möglich ist und XXXXX nicht noch einmal eine Klasse überspringen muss, um intellektuell ausgelastet zu sein
¨ XXXXX kann hier zweimal in der Woche reiten, z.Zt. eine unabdingbare Voraussetzung für ihre seelische Ausgeglichenheit, nachdem es ihr in den letzten Jahren nur durch den Ausgleich des Reitens möglich war, einen sehr großen Teil ihrer Schwierigkeiten zu kompensieren
¨ Ein unangemeldeter Besuch eines Jugendamtmitarbeiters ist jederzeit möglich
¨ Die Internatsleitung ist selbstverständlich jederzeit zu Auskünften über das Internat dem Jugendamt gegenüber bereit
¨ Bei unseren zwei Tagesbesuchen in XXXXX ist vor allem der liebevolle und respektvolle Umgang der Lehrer und aller anderen Mitarbeiter mit den Kindern sehr positiv aufgefallen. Man merkt, dass hier die Kinder in ihrer Persönlichkeit wahrgenommen und geachtet werden. Der Umgang der Schüler mit ihren Lehrern war in allen Altersstufen höflich und freundlich, ohne jedoch im geringsten angstbesetzt oder gar unterwürfig zu sein.
Wir hoffen, Ihnen die Gründe für unseren Wunsch, XXXXX zukünftig in einem speziellen Internat beschulen zu lassen, gründlich dargelegt zu haben.
Die Kosten für einen solchen Internatsaufenthalt entnehmen Sie bitte beiliegender gültiger Preisliste.
Wir sind finanziell nicht in der Lage, diese Kosten vollständig selbst aufzubringen und beantragen daher mit diesem Schreiben wirtschaftliche Jugendhilfe im Rahmen der Hilfen zur Erziehung lt. KJHG § 35a SGB VIII
Mit freundlichen Grüßen [weiter]







