Vererbte Leseschwäche
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Andrea Naica-Loebell 11.11.2005
Legasthenie liegt in der Familie
Legasthenie ist eine der häufigsten Lernstörungen. Schon länger wurde vermutet, dass das Erbgut bei dieser Lese- Rechtschreibschwäche eine wesentliche Rolle spielt. Die Forscher suchten und fanden in den letzten Jahren die entsprechenden Gene. Bei der Tagung der Amerikanischen Gesellschaft für Humangenetik legten jetzt US-Wissenschaftler ihren Nachweis vor, dass bei Betrofffenen eine Abweichung auf dem Gen DCDC2 vorliegt. Ein deutsch-schwedisches Forscherteam bestätigt zudem dieses Ergebnis.
Umgangsprachlich wird vorzugsweise immer noch der Begriff Legasthenie verwendet, der 1916 von dem Neurologen Paul Ranschburg (1) eingeführt wurde, um die "Lese- und Schreibstörung des Kindesalters" zu benennen. Experten sprechen heute lieber von Lese- und Rechtschreibschwäche (abgekürzt LRS), weil das als weniger diskriminierend empfunden wird. Das "Internationale Klassifikationsschema für psychische Störungen" ICD-10 (2) der Weltgesundheitsorganisation ( WHO (3)) unterscheidet die isolierte Rechtschreibstörung und die Lese-Rechtschreibstörung (Ziffer F81).
Lese- und Rechtschreibstörungen treten in Familien gehäuft auf (Bild: Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V.)
Zwischen 5 und 17 Prozent aller Kinder leiden unter Lese- und Rechtschreibschwäche. Typisch für sie ist, dass sie sehr langsam lesen, häufig stocken, die Zeile im Text verlieren, aber auch Wörter oder Silben auslassen, vertauschen oder hinzufügen. Auffallend ist zudem, dass es große Probleme mit der Rechtschreibung gibt, vor allem bei Diktaten: Wörter werden falsch geschrieben, oft auch mehrfach unterschiedlich falsch. Manche Wörter werden nur fragmenthaft wiedergegeben, zudem wimmelt der Text von Grammatik- und Interpunktionsfehlern ( Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (4)).
Studien mit neurologischen bildgebenden Verfahren, vor allem der Magnetresonanz-Tomographie ( MRT (5)), zeigten beim Lesen abweichende Gehirnaktivitäten bei Legasthenikern ( Legasthenie auf Chinesisch (6)) – wobei berücksichtigt werden sollte, dass die Fallzahlen bei den Untersuchungen oft sehr niedrig liegen und zudem das Hirn ein höchst komplexes und bisher wenig verstandenes Organ ist ( Bei Pepsi-Trinkern leuchtet es im präfrontalen Cortex (7)).
Legastheniker sind nicht minderbegabter oder dümmer als andere, sie sind nicht faul oder nicht lernfähig, sie brauchen nur spezielle Trainings, z.B. das Marburger Rechtschreibtraining (8), um fehlerfrei lesen und schreiben zu können. Heilbar ist die Störung nicht, wer Legastheniker ist, bleibt das sein Leben lang. In Deutschland wird das immer noch als Stigma empfunden und nur wenige outen sich als Betroffene. In anderen Ländern wird offener damit umgegangen, dort stehen prominente Legastheniker wie Orlando Bloom (9), Keira Knightly (10), Tom Cruise (11), John Irving (12) oder Robbie Williams (13) öffentlich zu dieser Schwäche.
Es liegt in der Familie
Als die Wissenschaft begann, sich mit der Lese- und Rechtschreibschwäche zu beschäftigen, war schnell klar, dass es genetische Einflüsse bzw. eine familiäre Häufung gibt. Bei einem Legastheniker in der Familie steigt die Wahrscheinlichkeit, auch weitere in der Verwandtschaft zu finden. Zwillingsstudien bestätigten, dass genetische Dispositionen existieren ( Zur Genetik der Lese-Rechtschreibstörung (14)). In den letzten 30 Jahren ergaben klinische Studien, dass 50 Prozent der Kinder von Eltern mit der Lese- und Rechtschreibstörung auch darunter leiden, ebenso 50 Prozent der Zwillingsgeschwister.
Auf einer Tagung der American Society of Human Genetics (15) in Salt Lake City präsentierten Haiying Meng von der Yale University (16) und seine Kollegen ihre Untersuchung zum Gen DCDC2 bzw. seinen Einfluss auf die Legasthenie. Gleichzeitig veröffentlichten sie ihre Studie "DCDC2 is associated with reading disability and modulates neuronal development in the brain” in den Proceedings of the National Academy of Sciences ( PNAS (17)).
Schon länger waren Gene auf den Chromosomen 1, 2, 6, 7, 11, 15 und 18 in Verdacht, die Gehirnfunktionen so zu beinträchtigen, dass das Erlernen des Lesens und Schreibens behindert wird. Das Team um Meng untersuchte 536 Personen aus 153 Familien, wobei sie spezielle DNS-Marker mithilfe statistischer Methoden genauer unter die Lupe nahmen. Sie fanden eine Gen-Abweichung auf Chromosom 6 (18), die offensichtlich mit Legasthenie verbunden ist. Den Betroffenen fehlen DNS-Abschnitte Co-Autor Jeffrey R. Gruen von der Yale University erläutert:
Jetzt haben wir starke statistische Beweise, dass bei einer großen Zahl von Legasthenie-Fällen – vielleicht bis zu zwanzig Prozent – vom Gen DCDC2 verursacht werden. Die genetische Abweichung auf diesem Chromosom besteht aus einer langen Deletion [Mutation bei der Chromosomenabschnitte fehlen] eines regulatorischen Bereichs. Das Gen spielt eine wichtige Rolle im Lesezentrum des Gehirns, wo es die Wanderung von Nervenzellen steuert. Diese Architektur des Hirnkreislaufes ist für normales Lesen notwendig.
Europäer mit gleichem Befund
Bestätigt wird dieses Ergebnis durch ein deutsch-schwedisches Wissenschaftler-Team um Johannes Schumacher vom Universitätsklinikum Bonn (19). Der Artikel mit den Ergebnissen (Strong Genetic Evidence for DCDC2 as a Susceptibility Gene for Dyslexia) erscheint in der Januar-Ausgabe des American Journal of Human Genetics, ist aber bereits online abrufbar (20). Auch diese Forschergruppe identifizierte das Gen DCDC2 in Blutproben von Familien mit mindestens einem von Lese-Rechtschreibschwäche betroffenen Kind. DCDC2 spielt wohl eine besonders wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Sprachinformation während des Schreibens. "Das Gen (kurz: DCDC2-Gen) spielt anscheinend in der Entwicklung des Gehirns eine Rolle, genauer gesagt bei der Wanderung von Nervenzellen im sich entwickelnden Gehirn", erklärt Markus Nöthen vom Life & Brain Zentrum der Universität Bonn (21), der mit seiner Arbeitsgruppe für die molekularen Arbeiten verantwortlich war. Die Details der Funktion dieser Abweichung im Erbgut sind noch unklar. Es zeichnet sich aber ab, dass mehrere Gene zusammenwirken.
Links
(1) http://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%A1l_Ranschburg
(2) http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2006/fr-icd.htm
(3) http://www.who.int/en/
(4) http://www.bvl-legasthenie.de/index.php?zwei=true&page=legasthenie
(5) http://www.meb.uni-bonn.de/radiologie/Patienteninformation/MRT.html
(6) http://www.telepolis.de/r4/artikel/18/18252/1.html
(7) http://www.telepolis.de/r4/artikel/17/17994/1.html
(8) http://www.kjp.uni-marburg.de/kjp/legast/
(9) http://www.imdb.com/name/nm0089217/
(10) http://www.imdb.com/name/nm0461136/
(11) http://www.imdb.com/name/nm0000129/
(12) http://www.randomhouse.com/features/johnirving/about_irving.html
(13) http://www.robbiewilliams.de
(14) http://www.kjp.uni-marburg.de/kjp/legast/for/papers/genetik_der_lrs.htm
(15) http://genetics.faseb.org/genetics/ashg/ashgmenu.htm
(16) http://www.yale.edu/
(17) http://www.pnas.org
(18) 6p22 http://genome.ucsc.edu/cgi-bin/hgTracks?position=6p22.2&pix=840&Submit=Submit&db=hg17
(19) http://www.ukb.uni-bonn.de/quick2web/internet/internet.nsf/directname/home
(20) http://www.journals.uchicago.edu/AJHG
(21) http://www.lifeandbrain.com/mid52_Home.html?lang=2







