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Legasthenie
Wie viele Kinder sind eigentlich betroffen?

Legasthenie - wie viele Kinder sind eigentlich betroffen? Zwei Pressetexte mit unterschiedlichen Aussagen zeigen, wie wenig erforscht die Störung bisher wirklich ist.

meduniqa vom 9.3.2009 Stefan Fritsche: adeba vom 20.6.2006

Durchschnittliche oder sogar überdurchschnittliche Intelligenz und trotzdem Probleme mit Lesen und Schreiben? Vielleicht steckt die angeborene "Umschriebene Lese-Rechtschreib-Schwäche" (LRS) dahinter.

Die Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) "bezeichnet Störungen, deren Hauptmerkmal eine ausgeprägte Beeinträchtigung der Entwicklung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit ist, die nicht durch eine allgemeine intellektuelle Behinderung oder inadäquate schulische Betreuung erklärt werden kann.

Legasthenie ist eine Verarbeitungsschwäche im Bereich der Sprache, also keinesfalls eine Krankheit. Sie ist millieu- und erziehungsunabhängig und weder auf eine geistige Beeinträchtigung noch einen unzulänglichen Unterricht zurückzuführen.

Mindestens 15 Prozent aller Schulkinder sind von der Umschriebenen Lese-Rechtschreib-Schwäche betroffen. Die Entstehung der Legasthenie ist durch zahlreiche Faktoren bestimmt und deshalb auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Im Grunde kommt es durch Vererbung oder durch Probleme bei der Geburt zu kleinsten Hirnfunktionsstörungen, die dazu führen, dass die Verarbeitung von Sprachreizen im Gehirn über Umwege verläuft. Verbindungen, die in einem Gehirn nicht Betroffener schneller hergestellt werden können, dauern bei einem Legastheniker etwas länger. Hohe Anstrengungen, gleichzeitig aber vergleichsweise schlechtere Leistungen kennzeichnen die Probleme der betroffenen Kinder.
Legasthenie ist nicht heilbar, das Gehirn kann aber durch entsprechende Maßnahmen trainiert werden.

Mögliche Symptome
Im Vergleich zu Leistungen gleichaltriger Kinder treten gravierende Probleme beim Lesen und/oder Rechtschreiben auf. Stockendes, buchstabierendes, flüchtiges und sehr fehlerhaftes Lesen ist charakteristisch. Die Kinder verwechseln Buchstaben im Wort wie etwa b-d, p-q, u-n, stellen Buchstaben innerhalb eines Wortes um, lassen sie aus oder fügen falsche Buchstaben ein. Die Probleme können einzeln oder in Kombination auftreten.

Bei vielen Legasthenikern ist die Häufigkeit und die hohe Stabilität von Fehlern charakteristisch: Sogar durch das wiederholte Üben kann das Kind nicht erkennen, ob das Wort richtig oder falsch gelesen oder geschrieben ist. Ausnahmen gibt es allerdings auch hier: Manche Kinder mit Legasthenie, machen diese typischen Fehler nicht.

Wahrnehmungsstörungen
Manche Legastheniker leiden unter Winkelfehlsichtigkeit: Beim Sehen produziert jedes Auge eine Abbildung des Gesehenen und leitet dieses Bild getrennt vom anderen Auge an das Gehirn weiter. Dort können nun aber die zwei Bilder nicht zur Deckung gebracht werden. Entweder wird dann das schlechtere Bild einfach unterdrückt, was zu keinen weiteren Problemen führt oder der Legastheniker sieht doppelt. Der Leseprozess wird dadurch erheblich gestört.

Unterschiedliche Verweilzeiten des Auges auf einer Buchstabengruppe und rasche Blicksprüngen zur nächsten bilden ein weiteres Problem. Durch die Blicksprünge und die zeitliche Verschiebung kommt es zu Nachbildern. Die Wahrnehmung ist unscharf und verschwommen.

Einige Legastheniker leiden zudem an spezifischen akustischen Problemen. Mangelnde Trennschärfe der Wahrnehmung führt dazu, dass die Laute p-t-k-b-d-g nicht gut differenziert werden können. Dieses Problem kann auftreten, darf allerdings auf keinen Fall voreilig zu einer Legasthenie-Diagnose führen.

Probleme mit der Aufmerksamkeit
Bei vielen betroffenen Kindern ist die Aufmerksamkeitsdauer bei der Verarbeitung sprachlicher Informationen deutlich verkürzt. Aus diesem Grund wird bei Legasthenikern fälschlicherweise oft Konzentrationsschwäche diagnostiziert.

Lernprobleme
Legastheniker haben nicht die üblichen sicheren Bahnen zur Verfügung. Deshalb sind sie auf anderes Lernen angewiesen. Unterschiedliche Übungen mit besonders visueller Ausprägung helfen dabei, die richtige Schreibweise optisch zu verankern.

Legasthenie ist zwar nicht heilbar, als allzu großes Handicap sollte sie allerdings auch nicht gesehen werden. Nicht zuletzt haben uns Winston Churchill, Albert Einstein und Hans Christian Andersen gezeigt, dass ein erfolgreiches und erfülltes Leben trotz Legasthenie möglich ist.

 

Schreiben- und Lesenlernen müssen alle Kinder. Doch für viele bleibt die Welt der Buchstaben trotz aller Bemühungen ein Labyrinth, in dem alles durcheinander geht.

Jetzt wollen Forscher den neurologischen Ursachen der Legasthenie oder auch Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) auf den Grund gehen. Schätzungen zufolge haben rund fünf Prozent der Kinder eines Jahrgangs mit einer Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) zu kämpfen.

Da die Probleme häufig über die Schulzeit hinaus bestehen, schätzen Experten, dass in Deutschland insgesamt drei bis vier Millionen Menschen an Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden. Menschen mit LRS sind nicht weniger intelligent als andere. Trotzdem werden sie mangels Förderung nicht nur in der Schule, sondern auch im späteren Berufsleben oft benachteiligt.

Treten Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Schreibens auf, kann das viele Gründe haben. Im Einzelfall ist eine sorgfältige Prüfung zahlreicher Faktoren aus dem Umfeld des betroffenen Kindes erforderlich.

Ereignisse im schulischen Umfeld wie Lehrerwechsel, Umstellung in der Lehrmethode oder im familiären Umfeld, zum Beispiel Scheidung, Streit in der Familie, könnten Ursache für Lese- und Schreib-Probleme sein. Ganz wesentlich ist es auszuschließen, dass beim betroffenen Kind eine generelle Minderbegabung vorliegt oder physische Beeinträchtigungen gegeben sind wie beispielsweise Schwerhörigkeit oder Sehschwäche. Häufig kommen mehrere ganz individuelle Faktoren als Ursachenbündel zusammen.

Die Ursachen für die Lese-Rechtschreib-Schwäche sind vielfältig. Das zentrale Problem von Kindern mit LRS: Ihnen gelingt die exakte Zuordnung von Buchstaben und Lauten nicht richtig. Sie lassen Buchstaben oder Wörter aus, fügen andere hinzu oder vertauschen ähnlich klingende Buchstaben und lesen oder schreiben langsamer.

Doch wie die Störung genau entsteht und welche Ursachen der LRS zugrunde liegen, ist für die Wissenschaft nach wie vor offen. Bei vielen Betroffenen gibt es wohl eine genetische Veranlagung für die LRS. Das heißt, das Risiko für LRS kann vererbt werden. Die neurobiologische Forschung hat gezeigt, dass oft Teilleistungsstörungen des Gehirns für die Probleme verantwortlich sind. Grundlegende Verarbeitungsprozesse, die an der Differenzierung und Verarbeitung von Sprachklängen - phonologische Bewusstheit - beteiligt sind, erfolgen eingeschränkt oder fehlerhaft.

Einige Studien berichten auch immer wieder, dass die neuronale Verarbeitung optischer oder akustischer Reize gestört ist und es somit in der Konsequenz zu den Lese- und Rechtschreibproblemen kommen soll.

Eine Studie am Universitätsklinikum Jena (UKJ) vergleicht jetzt erstmals die derzeit aussagekräftigsten Ursachenmodelle auf neurobiologischer Basis. Die Forscherinnen Carolin Ligges und Mireille Trautmann wollen die Modelle - phonologisch, auditiv und visuell - hinsichtlich ihrer Plausibilität mit den Mitteln der Neurobiologie vergleichen. "Dazu werden wir untersuchen, welche Gehirnaktivitäten in bestimmten Situationen bei Kindern mit und ohne Lese-Rechtschreib-Störung zu beobachten sind", so Trautmann.

Den verschiedenen kognitiven Verarbeitungsprozessen, auf die sich die drei Ursachenmodellen beziehen, lassen sich jeweils bestimmte Gehirnregionen zuordnen. Mit Hilfe der funktionalen Magnet-Resonanz-Tomographie und des EEG wollen die Forscherinnen prüfen, welche Hirnregionen bei der Lösung von Sprach-, Ton- und Musteraufgaben bei Kindern mit LRS anders aktiviert werden als bei Kindern ohne LRS.

Anhand dieser Verarbeitungsdefizite sollen Rückschlüsse gezogen werden, in welchem Bereich die Ursachen für eine Störung liegen. Ligges und Trautmann hoffen damit auf wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung von Therapieverfahren. Für die Studie werden die beiden Wissenschaftlerinnen 50 Kinder im Alter von 11 bis 12 Jahren mit LRS und 50 mit einer normalen Lese-Schreib-Fähigkeit untersuchen.