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Dyskalkulie >> Einführung

Wann spricht man von einer Dyskalkulie?
Von einer Dyskalkulie spricht man, wenn über einen längeren Zeitraum allgemeine und hartnäckige Schwierigkeiten beim Erlernen mathematischer Zusammenhänge auftreten. Dyskalkulie wird in der Regel während der Schulzeit festgestellt. Typische Zeitpunkte sind 3./4. Klasse. Leider gibt es im Gegensatz zur Legasthenie noch nicht in allen Bundesländern eine Verordnung zum Umgang mit Dyskalkulie an Schulen. Häufig wird Dyskalkulie aus Unkenntnis nicht erkannt.

Was ist eine Dyskalkulie eigentlich?
Die Dyskalkulie oder Rechenschwäche bezeichnet eine grundlegende Schwäche, bei der es normal begabten Menschen besonders schwer fällt, die Welt der Zahlen zu begreifen und Rechenoperationen korrekt durchzuführen. Selbst einfache Additionsaufgaben im Zahlenbereich bis 10 sind lange nur mit großen Anstrengungen und unter Zuhilfenahme von Anschauungsmaterial lösbar. Oft haben betroffene Kinder schon früh Schwierigkeiten mit der Raum-Lage-Orientierung (oben, unten, vorne, hinten). Sie machen keine Unterschiede zwischen einer Zahl (Bezeichnung für eine Menge) und einer Ziffer (z.B. Hausnummer, Buslinie) und benötigen als Rechenhilfe lange ihre Finger oder andere Hilfsmittel. Sie kennen die Zahlen zwar und können sie meist auch in der richtigen Reihenfolge aufsagen, verknüpfen sie aber nicht mit Mengen oder logischen Denkprozessen. Subtrahieren oder Rechnungen über 10 hinaus stellen sich als große Hürde dar. Sie haben Probleme mit Zahlenfolgen und können Zahlen nur schwer den dazugehörigen Mengen zuordnen. Rechenschwache Kinder verstehen in der Schule oft schon die gestellten Aufgaben nicht und können daher mit dem Lösen gar nicht erst beginnen. Aber auch die Rechenwege sind ihnen ein Rätsel.

Entwicklung der Rechenfähigkeit
Nach neuesten Erkenntnissen können Säuglinge bereits im Alter von ca. 6 Monaten Mengen bis drei erkennen. Mit ca. 2 Jahren sind Kinder in der Lage Zahlenwortreihen nachzusprechen. Allerdings wiederholen sie Zahlenfolgen lediglich als Aneinanderreihung von Wörtern wie ein Gedicht, ohne den Mengenwert dahinter zu verstehen. Das Verständnis kommt erst später. Im Alter von 4 Jahren sind erste Rechenschritte möglich, wobei immer erst die einzelne Menge erfasst werden muss, um dann zur Gesamtmenge zu kommen. Mit 6 Jahren gelingt es Kindern, die Zahlenfolge nicht immer bei 1 starten zu lassen, sondern sie können die richtige Reihenfolge der Zahlen auch ab einer beliebigen Zahl (3 oder 5) fortzuführen. In diesem Alter werden Vorgänger und Nachfolger von Zahlen erfasst. Ab 7 Jahren entwickelt sich ein Langzeitgedächtnis für Zahlen. Im Alter von 8 Jahren können die meisten Kinder sicher ab jeder beliebigen Stelle rückwärts zählen. Erst mit 9 Jahren wird die Effektivität von Umkehrrechnungen erkannt (9 - 2 = 7 leichter als 9 - 7 = 2). Bei rechenschwachen Kindern sind diese Entwicklungsschritte gebremst, und sie steigen wegen Verständnisschwierigkeiten und fehlender Erfolgserlebnisse früh aus dem Rechensystem aus.


Wann und woran kann man eine Dyskalkulie erkennen?
Schon im Kindergarten kann man Risikokinder erkennen, die möglicherweise in der Schule eine ausgeprägte Dyskalkulie entwickeln. Diese Kinder haben kein Verständnis für Mengen und sie haben Schwierigkeiten mit dem Zählen. Zahlen lesen können sie durchaus, aber sie verstehen kaum, was diese bedeuten.
Menschen ohne Rechenschwäche haben beispielsweise keine Probleme, auf einem Zahlenstrahl das Verhältnis der Zahlen untereinander einzutragen. Sie wissen, dass 5 zwischen 1 und 10 liegen muss. Egal ob es nun um fünf Meter, fünf Bananen oder 5 Autos geht. Kinder mit einer Dyskalkulie haben dieses Wissen nicht, sie müssen es sich erst mühsam erarbeiten. Und während sie dies tun, überholen ihre Klassenkameraden sie im Lernstoff Mathematik rasant.
Zum Ende der ersten Klasse fällt bei Kindern mit Dyskalkulie auf, dass sie noch immer mit den Fingern Aufgaben abzählen, anstatt einfache Rechenoperationen im Kopf erfassen zu können. Sie können zwar mit anschaulichem Material die Hälfte einer Summe erarbeiten, im Kopf gelingt dies jedoch nicht.

Simone Wejda Lilo Gührs Angelika Schlotmann


Welche Ursachen gibt es für Dyskalkulie?
Viele Kinder mit Dyskalkulie haben eine links-rechts Schwäche. Das führt dazu, dass sie bei Rechenaufgaben nicht nur Zahlen verdrehen, sondern auch innerhalb einer Rechenoperation den Rechenweg wechseln. Merkschwächen und Wahrnehmungsschwächen, zum Beispiel bei der Raum-Lage Wahrnehmung, gehören ebenfalls zu den bekannten Ursachen.

Wann braucht ein Kind Hilfe?
Eine Förderung beginnt am besten zu früh wie möglich. Ab der ersten Klasse sollten Lehrer die Kinder herausfiltern und ihnen angemessenen Unterricht erteilen. Ist eine Dyskalkulie sehr ausgeprägt, so dass eine drohende seelische Behinderung befürchtet werden muss, so ist eine außerschulische, individuelle Förderung und Therapie notwendig. Mit einer fachärztlichen Diagnose und einer Stellungnahme des/der zuständigen Lehrers/Lehrerin können die Erziehungsberechtigten versuchen, die Übernahme der Kosten für eine Dyskalkulietherapie beim Jugendamt nach den Richtlinien des neuen KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) über den § 35a erstattet zu bekommen.

Wie sollte die Therapie aussehen?
Eine Dyskalkulietherapie stellt das Kind in den Mittelpunkt der Förderung und arbeitet mit dessen positiven Ressourcen. Nach einer gründlichen Diagnostik, die die Schwächen des einzelnen Kindes genau erfassen muss, kann mit der individuellen Lerntherapie begonnen werden. Eine Förderung der entsprechenden Wahrnehmungsbereiche, das gezieltes Rechentraining und der Aufbau von Motivation und Selbstbewusstsein beim Kind stehen im Mittelpunkt.
Die Therapie erstreckt sich in der Regel über zwei Jahre und bezieht Lehrer/innen und Eltern regelmäßig in die Entwicklung ein. Es wird einzeln oder in Kleinstgruppen gearbeitet, im Durchschnitt mit zwei Stunden pro Woche. [weiter]