ADHS / ADHD? Womit haben wir es hier zu tun?

Sie springen über Tische und Bänke, reden unaufhörlich, scheinbar ohne ein Bewusstsein über die Konsequenzen zu haben oder versinken tief in ihrer Traumwelt. Soziale Kontakte sind fast immer problematisch, Freundschaften selten und nicht von langer Dauer. Die Schulleistungen werden zunehmend schlechter und im Familienkreis nimmt der Leidensdruck von Eltern und Geschwistern stetig zu. Die Rede ist von dem neuen „Kindervirus“, dem ADHD Syndrom, das in die Fachwelten von Psychologie, Pädagogik und Medizin mit Riesenschritten Einzug gehalten hat. Rund 3% bis 4% aller deutschen Kinder sind wissenschaftlichen Untersuchungen nach von der Störung betroffen, die nur behandelbar, nicht aber heilbar ist, und somit auch bei 80% der Erwachsenen weiterhin besteht.

ADHS / ADHS – zwei Kürzel, eine Deutung

Noch streiten sich die Mediziner, ob ADHD (Attention-Defizit-Hyperactivity-Disorder) in zwei, drei oder mehr Ausprägungen vorliegt (ICD-10 und DSM-IV), ein deutliches Zeichen dafür, dass die Erforschung des Syndroms, wiewohl weit voran geschritten in den letzten Jahren, noch immer auf dem Prüfstand steht und weiter betrieben werden muss. Doch ob die Kinder nun hyperaktiv, impulsiv und unaufmerksam sind oder nur einen Teil dieser Ausprägungen zeigen, sie und ihre Familien benötigen dringend qualifizierte Hilfe, um die damit nahezu unabwendbar verbundenen Schwierigkeiten in der Familie, im Freundeskreis und der Schule zu bewältigen. Kinder mit ADHD mit oder ohne Hyperaktivität wissen oft nicht, was eigentlich falsch läuft. Sie bemühen sich sehr, den an sie gestellten Anforderungen zu genügen, aber immer wieder erleiden sie Schiffbruch damit. Nach einiger Zeit stellt sich unabwendbar bei ihnen das Gefühl ein, es niemandem Recht machen zu können und ein Versager zu sein.

Energiegeladen oder verträumt

Neben den anstrengenden hyperaktiven Kindern rücken nach und nach auch die „Träumer“ immer stärker in das Licht der Öffentlichkeit. Studien aus der Mitte der 90er Jahre, die in den USA durchgeführt wurden, sprechen sogar von einem doppelt so hohen Vorkommen von ADHD ohne Hyperaktivität im Gegensatz zu ADHS / ADHD mit Hyperaktivität. Und auch in Deutschland beschäftigt man sich intensiver mit der Variante, die durch die meist fehlende Überaktivität nicht so auffällig ist.

An der Aufmerksamkeitsstörung ADHD, auch ADS, POS, MCD oder hyperkinetisches Syndrom genannt, kommt man in der Pädagogik wohl nicht mehr vorbei. ADHD ist zwar nicht heilbar, es gibt jedoch wirksame Therapien, die den betroffenen Familien helfen und den Kindern ein weitgehend normales Leben ermöglichen.

Diagnose

Eine gründliche Diagnostik bei einem Facharzt überprüft die Vermutung auf ADHD, die aufgrund der recht allgemeinen Symptome manchmal vorschnell und manchmal leider auch viel zu spät oder gar nicht geäußert wird. Aus diesem Grunde ist es überaus wichtig einen Facharzt aufzusuchen, der über Erfahrungen mit ADHD Patienten verfügt. Auch Erziehungsberatungsstellen werden mit der Problematik zunehmend konfrontiert und bieten sich als Anlaufstelle für Eltern an.

Nicht jedes unruhige Kind ist hyperaktiv, nicht jeder Träumer ein ADHS / ADHD Kind. Treten die Symptome jedoch gehäuft über einen längeren Zeitraum auf, schildern Eltern, Erzieher und Lehrer bei einer systematischen Befragung das typisches Verhalten, so liegt die Diagnose ADHD nah und geeignete Therapieangebote müssen dem Kind und seinen Eltern vorgestellt werden. Da die Störung wahrscheinlich vererbbar ist, muss der entsprechende Arzt auch die Familiengeschichte überprüfen. Für betroffene Eltern ist es meist doppelt schwer, aus ihrem eigenen unkonzentrierten, chaotischen Lebensstil heraus, den Kindern die so dringend benötigte Klarheit und Strukturiertheit zu bieten. In solchen Fällen ist eine Therapie oder ein Coaching für die Eltern oft ebenso notwendig wie die Behandlung ihrer Kinder, um eine grundlegende Verbesserung der Lebenssituation zu bewirken.

Aufklärung

Eine gründliche Aufklärung über ADHD, seine Ursachen und Ausprägungen, ist die Grundlage jeder anschließenden Therapieform. Sowohl die Eltern des Kindes als auch das Kind selber und alle weiteren Betroffenen müssen umfassend informiert werden, um den Boden für geeignete Interventionen zu ebnen. Nicht selten wird den Eltern der Kinder die Schuld an deren merkwürdigen und unerklärbaren Verhalten zugewiesen. Vielfältige Erziehungsfehler sollen die Ursache für das aggressive, laute, ungebremste und impulsive Verhalten des Kindes sein. Oder es werden mangelnde Autorität und Durchsetzungskraft für die Konzentrationsschwäche und die schlechten schulischen Leistung verantwortlich gemacht.

Ist das betroffene Kind zusätzlich noch in einer alleinerziehenden Mutter-Kind Situation aufgewachsen, sind die Ursachen hinter vorgehaltener Hand oft klar. Der Familie wird nun nicht die dringend notwendige Unterstützung zuteil, sondern sie wird im Gegenteil für die Situation selbst verantwortlich gemacht und mit offensiven oder versteckten Schuldzuweisungen immer stärker unter Druck gesetzt. Da sich die Eltern das Verhalten ihres Kindes oft selber nicht erklären können und keine außerfamiliäre Ursache sehen, suchen sie die Schuld bei sich und nehmen nicht selten langwierige Gesprächs- oder Familientherapien auf sich, die letztlich jedoch kaum etwas an der schwierigen Lebenssituation ändern. Weniger aufgeklärte Familien resignieren schneller, die Kinder werden als untauglich für die Regelschule bezeichnet und landen auf einer Sonderschule. Das muss aber nicht sein.

Selbstinstruktion

Einige Psychologen, Lerntherapeuten und Pädagogen arbeiten vermehrt mit der Methode der Selbstinstruktion, um den Kindern zu helfen, ihre Aufmerksamkeit zielgerichtet einzusetzen und auch Phasen von Routine und Gleichförmigkeit durchzustehen? Das Ziel ist dabei, dass das Kind im Laufe der Zeit das „Innerliche Sprechen“ lernt und somit ein Instrument zur Selbstkontrolle bekommt. In der Praxis wird diese Methode anhand eines bestimmten strukturierten Wahrnehmungs- oder Konzentrationstrainings wie folgt vermittelt:

Selbstinstruktion und Selbstbeobachtung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit zu fördern. Beginnen Sie eine Förderung oder ein Training stets mit einem gleichbleibenden Ritual.

  • Lassen Sie das Kind die Inhalte der letzten Einheit wiederholen. Dies stimmt es auf die folgenden Übungen ein und erinnert gleichzeitig an die vergangenen Inhalte.
  • Lesen Sie jede neue Aufgabenstellung laut und deutlich vor. o Wiederholen Sie dann in Ihren eigenen Worten die Aufgabenstellung.
  • Machen Sie dem Kind die Aufgabe vor.
  • Lassen Sie nun das Kind wiederholen, was zu tun ist. Stellen Sie sicher, dass das Kind die Aufgabe verstanden hat. o
  • Verfolgen Sie ruhig und geduldig die Arbeit des Kindes. Ermutigungen sind gewünscht.
  • Sobald Sie bemerken, dass das Kind seine Konzentration verliert, ermuntern Sie es, die Aufgabenstellung erneut laut zu wiederholen und halten Sie es liebevoll aber konsequent zum Weitermachen an.
  • Lautes Mitsprechen beim Arbeiten ist auch eine Möglichkeit für das Kind, den roten Faden nicht zu verlieren. Mit der Zeit wird das laute Mitsprechen zum inneren, leisen Mitdenken.
  • Fehler sind kein Grund zum Aufgaben. Ermutigen Sie das Kind die Aufgabe erneut in Angriff zu nehmen. Auch Teillösungen sind Erfolge und müssen gelobt werden.
Verhaltenstherapie

Ein Baustein zur erfolgversprechenden Behandlung von Kindern mit ADHD ist die Verhaltenstherapie, die von niedergelassenen Psychologen aber auch ausgewählten pädagogisch-therapeutischen Praxen angeboten wird. Gemeinsam mit den Familienmitgliedern werden eingefahrene Verhaltensmuster aufgedeckt und an deren Auflösung gearbeitet. Für spezielle Problemsituationen werden gemeinsam Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten gesucht und diese dann mit therapeutischer Begleitung umgesetzt. Als hilfreiche Methoden kommen die Videoanalyse und klar strukturierte Alltagspläne zur Anwendung. Unerwünschtes Verhalten und erwünschtes Verhalten kann mit der Videoanalyse sichtbar gemacht und gemeinsam diskutiert werden. Positive Entwicklungen im Umgang von Eltern, Kindern und Geschwistern untereinander werden schnell deutlich und der Therapeut erhält einen recht klaren Einblick in das Familiensystem. Alltagspläne helfen dem Kind, seine chaotische Wahrnehmung zu ordnen und eine klarere Linie in sein Handeln zu bringen. Bestimmte Lebensbereiche werden dadurch automatisiert, durch das Erledigen und Abhaken bestimmter Aufgaben wird das Selbstbewusstsein des Kindes gestärkt. Ebenfalls findet durch solch eine starke Strukturierung bestimmter Handlungsabläufe, zum Beispiel das Aufräumen des Kinderzimmers, eine Entlastung für die Eltern statt.

Quelle: Uta Reimann-Höhn „ADS – So stärken Sie Ihr Kind“ / Herder Verlag