Wie sieht es mit Ihrer Fehlerkultur aus?

Wenn ein Kind Angst davor hat Fehler zu machen, wird es neue Herausforderungen konsequent umgehen. Aus Angst vor dem Versagen vermeidet es Dinge zu tun oder zu sagen, die falsch sein könnten. Für den Lernprozess ist das eine Katastrophe, Sie sollten die Fehlerkultur verbessern. Lesen Sie hier, wie der Umgang mit Fehlern Ihr Kind weiter bringt – sowohl in der Schule als auch zu Hause.

Ein Fehler weist den Weg

Fehler zu machen ist etwas ganz Natürliches, trotzdem haben viele Kinder Angst davor und bringen sie ausschließlich mit schlechten Noten oder negativen Reaktionen in Verbindung. Nicht ohne Grund, denn die Ansprüche an Kinder sind hoch. In unseren 1,3 Kind-Familien lastet der gesamte Erfolgsdruck auf wenigen, schmalen Schultern und verteilt sich nicht mehr auf eine große Kinderschar. Für Misserfolge, Schulprobleme, Fehlverhalten und schlechte Noten ist da kein Platz. Viele Kinder spüren oder wissen das und legen großen Wert darauf, Fehler zu vermeiden oder zu leugnen. Doch das ist falscher Ehrgeiz.

Keine Angst, die Wahrheit zuzugeben

Leider gibt es viele Kinder, die sich nicht trauen, gemachte Fehler zuzugeben. Sie verschweigen schlechte Noten, geben Fehlverhalten nicht zu und leugnen konsequent. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Meistens ist es

  • die Angst sich zu blamieren
  • die Angst vor Strafe
  • die Befürchtung als dumm dazustehen
  • die Angst, die eigenen Eltern zu enttäuschen
  • die Sorge, Erwartungen nicht zu erfüllen
Fehlerkultur heißt, Fehler annehmen und korrigieren

Fehler gehören dazu – bauen Sie eine Fehlerkultur auf

Natürlich sind auch Eltern nicht perfekt oder vollkommen und machen ab und zu Fehler. Lassen Sie Ihr Kind das wissen! Verbergen Sie Ihre Fehler nicht vor Ihrem Kind, sondern stehen Sie dazu, auch wenn das unangenehm oder peinlich ist. In Ihrer Vorbildfunktion wird das dazu führen, dass auch Ihr Kind lernt Fehler einzugestehen, und sie nicht aus Angst oder Scham leugnet. Doch Fehler zugeben ist nicht alles, sie sollten auch wieder ausgebügelt werden. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass das möglich ist, damit es eine normale Einstellung zu Fehlern entwickeln kann.

Tipps für eine gute Fehlerkultur

  • kehren Sie Fehler nicht unter den Tisch, sondern gehen Sie ehrlich und aktiv damit um
  • lachen Sie auch ruhig mal über Ihre eigene Ungeschicklichkeit, nehmen Sie Fehler mit Humor
  • zeigen Sie Ihrem Kind ruhig, wenn Sie sich über einen gemachten Fehler ärgern – und wie der Ärger wieder vergeht
  • erklären Sie Ihrem Kind, wie es zu dem Fehler gekommen ist
  • korrigieren Sie den Fehler und entschuldigen Sie sich dafür, wenn  jemand dadurch Schaden genommen hat

Wenn Sie nicht sicher, ob in Ihrer Familie eine positive Fehlerkultur herrscht, können Sie das mit der folgenden Checkliste überprüfen.

Check Fehlerkultur

  • Machen Sie selber den gleichen Fehler stets mehrfach?
  • Wird Ihr Kind nervös und ängstlich, wenn Sie über Fehler sprechen?
  • Trägt Ihr Kind wenig zur Lösung von Problemen oder Fragen bei?
  • Gibt es sehr viele Verbote oder Vorschriften in Ihrer Familie?
  • Hat Ihr Kind Angst, für Aufgaben Verantwortung zu übernehmen?
  • Streiten Sie oder Ihre Familie Fehler häufig ab?
  • Leidet Ihr Kind darunter, wenn es einen Fehler macht?
  • Zeigt Ihr Kind Schadenfreude, wenn jemand anders einen Fehler macht?
  • Versuchen Sie, Fehler schnell zu verdrängen? 

So helfen Sie Ihrem Kind Fehler zuzugeben

  • Überlegen Sie, mit welcher Person aus der Familie Ihr Kind am besten sprechen kann, zu wem es das größte Vertrauen hat
  • Wählen Sie einen geeigneten Zeitpunkt, um einen Fehler anzusprechen. An einem stressigen Tag, während einer Auseinandersetzung oder unter Druck werden Sie nicht weit kommen.
  • Wählen Sie für eine Aussprache einen Ort, an dem sich Ihr Kind sicher und vertraut fühlt.
  • Signalisieren Sie Ihrem Kind, zum Beispiel durch eine Umarmung, dass Sie es lieb haben
  • Lassen Sie Ihrem Kind Zeit und drängen Sie es nicht. Fehler im Verhalten haben oft eine längere Vorgeschichte.
  • Lassen Sie es nicht bei der Beschreibung bewenden, sondern suchen Sie zusammen nach Lösungen, den Fehler wieder gutzumachen.
  • Nehmen Sie die Vorschläge Ihres Kindes unbedingt ernst.
  • Weisen Sie Ihr Kind in ähnlichen Situationen darauf hin, wie es bisher schon Fehler erfolgreich zugegeben und Probleme gelöst hat.

Wenn Ihr Kind immer wieder erfährt, dass Fehler keine Katastrophe sind und als etwas Normales eben einfach jedem passieren, wird es nach und nach selbstbewusster damit umgehen. Anstatt sich hinter seinen Fehlern zu verstecken, kann Ihr Kind diese akzeptieren und für einen Lerngewinn nutzen. Doch dies geht nur, wenn es im Familienalltag Fehler machen darf. Das Gleiche gilt auch für die Schule und das Lernen.

Platz für Fehler muss auch in der Schule sein

Ein oberflächlicher, automatisierter Lernstil in der Schule ist eine der Folgen der ängstlichen Vermeidung von Fehlern. Das Auswendiglernen, ohne die Inhalte zu hinterfragen, vermittelt Schülern eine scheinbare Sicherheit. Mechanisches Auswendiglernen ohne wirkliche Erkenntnis, laut vielen Untersuchungen das Übel des deutschen Bildungssystems, führt aber dazu, dass Wissen nicht verankert wird, sondern sich nach kurzer Zeit verflüchtigt. Das können Sie verhindern.

Durch die Analyse der Fehler, die Ihr Kind gemacht hat, können Sie genau erkennen, wo seine Schwierigkeiten im Lernprozess sind. Erst jetzt, nach einer sorgfältigen Fehleranalyse, kennen Sie die Ursachen und können das Problem anpacken.

Beispiel 1: Ihr Kind schreibt immer wieder zusammengesetzte Nomen falsch: Geburstag, Fahrad, Computerttisch…. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass Ihr Kind das Prinzip der zusammengesetzten Nomen nicht verstanden hat. Sobald es erkennt, dass diese Wörter getrennt und abgeleitet werden können, kann es sich die richtige Schreibweise selber Wort für Wort erschließen. Das t in Geburtstag kommt von der Geburt, das zweite r im Fahrrad von der Zusammensetzung von fahren und Rad.

Beispiel 2: Ihr Kind macht immer wieder Fehler, wenn es mit Brüchen rechnet. Besonders bei Textaufgaben kommen merkwürdige Ergebnisse heraus. Nach genauem Hinsehen wird klar, dass Ihr Kind die Begriffe Nenner und Zähler nicht sicher beherrscht, oft vertauscht und daher quasi wahllos benutzt. Damit dies künftig nicht mehr passiert, finden Sie gemeinsam mit Ihrem Kind eine wirksame Eselsbrücke. Vielleicht: Der Zauberer steht auf dem Nudelholz (der Zähler Z steht oben, der Nenner N steht untern). Aber Achtung: Ihr Kind muss die Eselsbrücke gut finden, nicht Sie!

Mein Tipp:

Loben Sie Ihr Kind für gefundene Fehler, aber geben Sie ihm keine fertigen Lösungen vor. Nur wenn Ihr Kind selber geistig aktiv wird, um das Problem zu durchdenken, wird es sich auch nachhaltig an die Lösung erinnern.

Lassen Sie Ihr Kind zum Detektiv werden

Das Lernklima zu Hause muss Fehler erlauben, und darf keine Abwehr davor erzeugen. Spielen Sie daher öfter mal Ratespiele, in denen die Spieler nur durch Versuch und Irrtum weiterkommen. Hier sind Fehler unabdingbar, ja notwendig. Lassen Sie Berufe erraten. Jeder Mitspieler darf solange fragen, bis er ein Nein erhält. Dann ist der nächste an der Reihe. Oder

  • geben Sie Ihrem Kind Aufgaben, die nicht eindeutig lösbar sind oder mehrere Lösungen haben
  • Regen Sie Diskussion verschiedener Lösungswege an
  • Entwickeln Sie neue Verfahren, zum Beispiel welche verschiedenen Möglichkeiten es gibt, um Kinderzimmer aufzuräumen
  • Motivieren Sie Ihr Kind zu Eigenproduktionen, zum Beispiel einer ausgefallenen Weihnachtsbaumdekoration, dem ersten eigenen Kuchen oder einer selbst gestalteten Einladung
  • Machen Sie mit Ihrem Kind öfter mal Experimente, viele Fernsehsendungen geben zur Zeit jede Menge Anregungen dafür

Spiel: Fehleranalyse

Geben Sie Ihrem Kind je nach Alter und Klassenstufe einen Text mit Rechtschreibfehler oder eine falsch gelöste Mathematikaufgabe. Bitten Sie Ihr Kind den Fehler selber zu finden. Lassen Sie es ruhig eine Reihe von Vermutungen anstellen, um sicherzustellen, dass es sich wirklich detektivisch bemüht. Hat es einen Fehler gefunden, soll es nun versuchen herauszufinden, wie dieser entstanden ist. Probieren Sie es mit den folgenden Beispielen für die dritte bis vierte Klasse.

Rechenaufgabe:

780 – 95 = 695

Fehler:

Das Ergebnis stimmt nicht, es muss 685 lauten.

Möglicher Fehlerweg:

Von 780 wurden erst 90 abgezogen und dann wieder 5 addiert. Diese 5 hätten aber substantiiert werden. Der Fehler liegt also in der falschen Anwendung der Grundrechenart.

Schreibaufgabe:

Hans feiert heute Geburtstag. Er hat achzehn Freunde eingeladen und wird im Garten ein Indianerfest veranstalten.

Fehler:

Das Wort achtzehn ist falsch geschrieben, es fehlt das t.

Möglicher Fehlerweg:

Der Schreiber hat das Wort nicht von der Zahl acht abgeleitet, sondern die umgangssprachliche Aussprache als Grundlage genommen.

Wichtig für die Fehlerkultur
  • Lassen Sie Ihr Kind laut denken beim Probleme lösen
  • Geben Sie keine Lösungen vor, geben Sie nur Hilfestellungen
  • Fragen Sie Ihr Kind, auf welches Wissen es schon zurückgreifen kann

Was hat das für einen Sinn?

Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Lernstoff und den gemachten Fehlern findet eine aktive Überprüfung des eigenen Wissensstandes statt. Anstatt Fehler mechanisch zu korrigieren, ohne unbedingt einen Lerngewinn daraus zu ziehen, findet so ein Erkenntnisprozess statt, der das nachhaltige Lernen fördert.

Mein Tipp:

Führen Sie doch eine regelmäßige Fehlerdiskussion ein, zum Beispiel beim gemeinsamen Essen. Jedes Familienmitglied berichtet ehrlich über den gröbsten Fehler, der ihm an diesem Tag unterlaufen ist.

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