Legasthenie in China

Hongkong (ddp). Chinesen mit Schreib-Lese-Schwäche haben es doppelt schwer: Sie können zum einen wie alle Legastheniker keine Verbindung zwischen den Lauten der gesprochenen und den dazugehörigen Zeichen der geschriebenen Sprache herstellen. Zum anderen scheint ihre visuelle Wahrnehmung beeinträchtigt zu sein – und gerade die ist für das präzise Erkennen der chinesischen Schriftzeichen entscheidend, bei denen feine Striche über die Bedeutung entscheiden. Verraten hat sich das zweifache Defizit bei der Analyse von Gehirnaktivitäten, wie chinesische Forscher um Wai Ting Siok von der University of Hong Kong im Fachmagazin «Current Biology» berichten. (Bd. 19, S. R890)

«Im Englischen formen die Buchstaben ein aussprechbares Wort», illustriert Mitautor Wai Ting Siok das Problem. «Die Aussprache geschieht also durch die Übersetzung von Buchstaben in Laute.» Die chinesische Schrift dagegen verbinde komplizierte grafische Gebilde mit Bedeutung. «Ein Leser muss also sehr fein die Striche der Zeichen erkennen, damit er einen Laut entziffern kann und versteht, was damit gemeint ist.» Die Bedeutung eines chinesischen Textes lässt sich nur über das Verständnis von Wörtern erfassen, die dazu oft aus zwei sinnverwandten Schriftzeichen bestehen. Rund 2500 Zeichen muss ein Chinese kennen, damit er als lesefähig gilt.

Schon länger gibt es daher die Vermutung, dass die Probleme chinesischer Legastheniker andere Ursachen haben als beispielsweise die Schreib-Lese-Schwäche bei Europäern. Um diesem Unterschied nun auf die Spur zu kommen, unterzogen die Forscher chinesische Kinder zwölf Sprach- und Reaktionstests und untersuchten dabei mit bildgebenden Verfahren die aktiven Bereiche im Gehirn. Die Legastheniker reagierten auf das kurze Einblenden von Buchstaben deutlich langsamer als die Kinder ohne Schreib-Lese-Schwäche, ergab die Auswertung. Die Verzögerung spiegelte sich auch in den Bildern des Gehirns wider: Sie zeigten bei Legasthenikern eine schwächere Aktivierung des Bereichs, der für die Verarbeitung von visuell-räumlichen Informationen verantwortlich ist.

«Unsere Studie hat erstmals belegt, dass Chinesen mit Legasthenie nicht nur Probleme bei der Wahrnehmung von Lauten haben oder Sprache nicht verarbeiten können», erklärt Siok. «Sie erkennen auch nicht die Bedeutung der komplexen Buchstaben.» Die folgenschwere Kombination war bei 83 Prozent der Kinder nachgewiesen worden, die an dem Test teilgenommen hatten.

Quelle: Netdoktor.de vom 13.10.2009